Datenscouting

Nur ein Trend oder die entscheidende Voraussetzung für erfolgreiche Kaderplanung?

29.07.2021 • Verfasser: Alexander Poch

Eine Entwicklung steht fest. Die Bedeutung von Leistungsmessung und der dadurch erhobenen Daten im Sport steigt immer mehr – vor allem auch im Fussball. Expected Goals oder Expected Assists, Passgenauigkeit, Top-Speed… Diese Werte werden nicht nur bei Übertragungen von Fussballspielen eingeblendet, sie dienen auch dem Trainerstab einer Mannschaft zur Leistungsauswertung.

Auch im Talentscouting spielen Daten eine immer grössere Rolle – durch sogenanntes Datenscouting im Fussball. Wir wollen euch den Begriff näherbringen und anhand eines Praxisbeispiels aufzeigen, welcher Einfluss dadurch auf die Kaderplanung eines Vereins genommen werden kann und wie wichtig in diesem Zusammenhang eine etablierte Vereinsphilosophie ist. 

Viel Spass beim Lesen und lasst gerne einen Kommentar da.

Was bedeutet Datenscouting überhaupt und welche Vorteile gibt es?

Im Gegensatz zum klassischen Scouting, was mit Videos oder einer Spielerbeobachtung vor Ort erfolgt, ist die Methode des Datenscoutings wesentlicher objektiver. Hierbei geht es um das Vergleichen vorher definierter Merkmale, die ein möglicher Neuzugang als Input für die Mannschaft mitbringen sollte. Bei einem Verteidiger können das zum Beispiel gewonnene Zweikämpfe oder abgefangenen Bälle pro 90 Minuten sein. Wichtig ist, dass die Positionsprofile in das System des Klubs passen. Diesen Aspekt werden wir uns mit einem konkreten Beispiel nochmal genauer anschauen.

Ausserdem hat ein Verein durch das weltweite Datenscouting deutlich mehr Spieler im Blickwinkel, als wenn er Scouts in bestimmten Gegenden auf Suche schicken würde. Gerade in der Corona-Pandemie ist das nur erschwerten Bedingungen möglich, wodurch Datenscouting eine noch wichtigere Rolle eingenommen hat.

Der ehemalige Sportdirekter von RB Leipzig, Ralf Rangnick, sagte 2018 nach einer nicht zufriedenstellenden Transferperiode: „Wir werden uns jetzt so aufstellen, dass wir in den nächsten Sommertransferperioden jeden Spieler auf der ganzen Welt kennen – jeden in Deutschland, jeden in Europa, auch in China und Japan oder egal, wo es Fussballspieler gibt“.

Ein ambitionierteres Ziel kann es in diesem umkämpften Wettkampf kaum geben. Dafür bedarf es neben einer unzähligen Menge an Scouts eben jenes Datenscouting. Wenn sich ein beliebiger Spieler entschliessen sollte, wechseln zu wollen, kann sein Verein anhand einer klugen Vorauswahl feststellen, welche Spieler auf ähnlichem Level unterwegs sind und so den Abgang adäquat ersetzen. Durch diesen Algorithmus können die Scouts wesentlich effektiver arbeiten und der Verein spart Zeit sowie Geld.

Die Kaderplanung wird zunehmend zum Spiel der Daten. So gründete zum Beispiel Datenexperte Dustin Böttger eine Firma namens Global Soccer Networks, die sich genau mit diesem Thema auseinandersetzt. Sein Ziel war es, ein Ratingsystem zu erstellen, welches Spieler objektiv bewerten kann. Geboren war die Idee für den sogenannten „GSN-Index“. Dieser setzt sich aus den folgenden vier Säulen mit diversen Unterkategorien zusammen, um einen Spieler ausreichend zu beurteilen.

Fußballspezifische Eigenschaften:
  • 130 verschiedene Kategorien bestehend aus taktischen, technischen, mentalen und physischen Fähigkeiten
Fußballspezifisches Entwicklungspotenzial
  • Alter, Verletzungsanfälligkeit, fussballerische Ausbildung, Qualität von Trainern, Jugendklubs oder Leistungszentren, Schulabschluss, Sprechen verschiedener Sprachen
Performance
  • Basisdaten während eines Spiels wie Pässe, Torschüsse, Zweikämpfe, Fouls, Kopfballduelle
Spiel/Leistungsniveau
  • Alle Daten werden durch ein ELO-Rating in Relation zum Niveau der Gegnermannschaft sowie der Liga gesetzt

Am Beispiel von Manchester United fällt die Beurteilung der Spieler wie folgt aus:

Beurteilung ausgewählter Manchester-United Spieler anhand des GSN-Index

Wie läuft das klassische Scouting ab?

Auf der Homepage des DFB findet sich ein Beobachtungsbogen, wie er üblicherweise von Scouts während eines Fussballspiels zur Einschätzung der zu beobachtenden Person ausgefüllt wird. Hierbei kann angemerkt werden, dass ein Scout maximal vier Spieler wirklich leistungsgerecht beurteilt kann. Für eine umfassende Einschätzung beider Teams bedarf es somit mindestens fünf Scouts.

Der Beobachtungsbogen ist so strukturiert, dass im linken Bereich formale Aspekte wie allgemeine Informationen zum Spiel, Beobachter und beobachteten Spieler eingetragen werden. In der Mitte kommt es zur Einschätzung der Fähigkeiten des Spielers. Diese unterteilen sich sich in technische Fertigkeiten, Kondition/Koordination, taktisches Spielvermögen sowie Persönlichkeitseigenschaften. Insgesamt sind es 23 Unterpunkte, welche jeweils als gut, mittel, oder schlecht bewertet werden können. Auf der rechten Seite des Bogens lassen sich zudem noch eigene Notizen zu den Fähigkeiten hinzufügen. Am Ende wird deutlich, ob der Spieler für weiteres Scouting in Frage kommt.

Durch die vielen Vorteile einer datenbasierten Kaderplanung stellt sich die Frage, warum sie noch nicht in allen Verein angekommen ist und stattdessen das Livescouting nach wie vor eine wichtige Rolle einnimmt.

Nun, dafür gibt es mehrere Gründe. Kritiker sagen, der Faktor Mensch sei nach wie vor entscheidend. Die Erfahrung durch einen Scout kann nicht ersetzt werden und ein Spieler lässt sich nicht anhand von Daten bewerten. Hier spielen Persönlichkeitstests und persönliche Lebensgeschichten eine Rolle. Ausserdem ist festzustellen, dass es hierzulande an Mut beziehungsweise Innovationsdrang mangelt. Bei der Nutzung von Datenscouting steht Deutschland maximal im Mittelfeld. Es muss zur Aufgabe gemacht werden, dass sich die Mitarbeiter mehr mit dem Thema auseinandersetzen und Knowhow dazugewinnen.

Am Ende soll das Datenscouting nicht irgendwen austauschen, sondern nur ein Hilfsmittel sein, um die Arbeit von Scouts erfolgreicher zu gestalten. Die Spielbeobachtung vor Ort sollte auch weiterhin ein fester Bestandteil bleiben.

Praxisbeispiel Hertha BSC Berlin

Nachdem der Verein unter ihrem damaligen Trainer Pal Dardai jahrelang im soliden Mittelfeld rangierte, sollte ab Juni 2019 ein Angriff auf die europäischen Plätze gestartet werden. Neben der Installation des neuen Trainers Ante Covic kam es zur Zusammenarbeit mit dem Investor Lars Windhorst. Über seine Firma Tennor hat er sich zunächst mit 37,5 Prozent an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA beteiligt. Mittlerweile hält Windhorst 66,6 Prozent der Anteile, wofür er etwa 250 Millionen Euro auf den Tisch legte. Ein Grossteil des Geldes wurde direkt in Neuzugänge investiert. So kamen für eine Gesamtsumme von etwa 140 Millionen Euro namenhafte Spieler wie Tousart, Piatek, Lukebakio, Cunha oder Cordoba.

Zwei Jahre und fünf Trainer später ist folgendes Ergebnis zu verzeichnen: Geld schiesst nicht immer Tore.

Für jeden Verein ist es essenziell, sich im Vorfeld mit folgenden Fragen zu beschäftigen. Welche Transferpolitik soll verfolgt werden? Wie wollen sie Fussball spielen? Wohin soll die Reise in den nächsten Jahren gehen? Erst wenn es über die Vereinsphilosophie genaue Vorstellungen gibt, sollte das Personal in Form von Trainerstab und Spieler ausgewählt werden.

Hertha BSC Berlin charakterisiert eine unausgeglichene Kaderplanung. Jeder Trainer hat ein individuell bevorzugtes Spielsystem mit unterschiedlichen Spielerprofilen vor Augen, wodurch es unmöglich gemacht wird, ihm die dafür passenden Spieler zur Verfügung zu stellen. Ante Covic bevorzugte ein 4-2-3-1 System, Labbadia wiederum das 4-3-3 System und Dardai wechselt zwischen den Systemen 4-2-3-1 und 3-5-2 hin und her. Wie soll unter diesen Voraussetzungen Kontinuität entstehen?

Gerade im zentralen Mittelfeld verfügt der Verein über zu ähnliche Spielertypen. Mit Ausnahme von Guendouzi sind sie zu defensiv orientiert.

In folgender Abbildung wird das deutlich. Auf der vertikalen Achse sind die jeweiligen Aktionen pro 90 Minuten Spielzeit vermerkt. Die jeweilige Zahl über der Säule ist eine prozentuale Angabe und beschreibt zusätzlich noch, wie gut der statistische Wert im Vergleich zu ähnlichen Spielertypen aus den fünf Ligen Europas ist. Wie zu erkennen ist, liegen die Mittelfeldspieler bei fast allen Werten unter dem Durchschnitt. Der Vergleich mit der Weltspitze macht das noch deutlicher.

Wer mehr über solche Datenbanken erfahren möchte, sollte bei der Seite FBref.com vorbeischauen.

Auch wenn es im Mittefeld ein Überangebot gibt, fehlt ein klassischer Spielmacher, der seine Mitspieler in gefährliche Abschlusspositionen bringen kann. Cunha wäre ein Kandidat, doch muss aufgrund mangelnder Alternativen regelmässig auf einer für ihn eher ungeeigneten Position auf der Aussenbahn ran. Der Belgier Lukebakio ist kein reiner Aussenspieler und sein Mitspieler Dilrosun zu verletzungsanfällig.

Nach dem erfolgreichen Klassenerhalt müssen sich die Verantwortlichen genau überlegen, welcher Trainer auf lange Sicht gesehen die Mannschaft übernehmen soll. Danach muss die Mannschaft umgekrempelt werden. Nach den Abgängen von Ibisevic oder Skjebred fehlt es an Führungsspielern. Hierbei stösst der datenbasierte Ansatz an seine Grenzen. Durch die finanziellen Möglichkeiten seitens Lars Windhorst hat der Verein jedoch wieder die Möglichkeit, auf dem Transfermarkt grosszügig nach ihren Vorstellungen tätig zu werden und Spieler loszuwerden, die nicht den internationalen Ansprüchen gerecht werden.

Das Potenzial ist ohne Frage da und mit Bobic wurde bereits ein absoluter Fachmann verpflichtet.

Fazit und Ausblick

Es bleibt festzuhalten, dass Datenscouting, sofern es auf solidem Fundament angewendet wird, einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil liefern kann und somit in den nächsten Jahren von immer mehr Vereinen umgesetzt wird. Gerade für Vereine wie RB Leipzig oder Borussia Dortmund ist ein Fortschritt im Scouting unabdingbar, damit es in den nächsten Jahren auch mal einen Fussballmeister geben kann, der nicht aus dem Süden kommt. Das ist allerdings ein Prozess und kann nicht von heute auf morgen erfolgen. Entscheidend ist, dass die Verantwortlichen grundsätzlich offen gegenüber Neuerungen sind. Und who knows, vielleicht sehen wir die Spieler in ein paar Jahren mit der Virtual-Reality-Brille auf dem Trainingsplatz, denen dadurch die taktisch beste Variante vorgegeben wird. Alles scheint möglich. Die Zukunft wird es zeigen.

Ich hoffe der Beitrag konnte euch ein paar Einblicke über Datenscouting geben. Auf unseren Social-Media-Kanälen erfahrt ihr noch mehr rund um das Thema Sports Tech.

Schaut dort gerne vorbei. Bis dahin bleibt sportlich und wir sehen uns im nächsten Blog!

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